Der globale Ölmarkt erlebt derzeit ein unerwartetes Paradoxon: Trotz eines formellen Bekenntnisses der OPEC+ zur erheblichen Steigerung der Rohölförderung bleibt das Angebot bemerkenswert knapp, was einen deutlichen Anstieg der Referenzpreise begünstigt. Diese Divergenz verdeutlicht grundlegende Herausforderungen innerhalb des Bündnisses und sich entwickelnde Nachfragedynamiken, die das verfügbare Angebot weiterhin absorbieren.
- Die OPEC+ hat sich verpflichtet, die Rohölförderung bis September im Vergleich zu März um 2,5 Millionen Barrel pro Tag (bpd) zu erhöhen.
- Die tatsächliche Produktion bleibt jedoch hinter den Zielen zurück, da einige Mitglieder Kapazitätsprobleme haben, während andere ihre Produktion bewusst zurückhalten, um frühere Quotenüberschreitungen auszugleichen.
- Die anhaltende Angebotsknappheit hat die Brent-Rohöl-Futures auf rund 68 US-Dollar pro Barrel steigen lassen, ausgehend von einem Tiefststand von 58 US-Dollar zu Jahresbeginn.
- Ein wichtiger Marktindikator ist die Verschiebung in die Backwardation, bei der der Erstmonatskontrakt für Brent-Öl-Futures einen deutlichen Aufschlag zum Sechsmonatskontrakt aufweist.
- Starke Nachfragefaktoren, darunter höhere Raffinerieverarbeitungsraten und Chinas strategische Lagerhaltung, absorbieren die geplanten Fördersteigerungen.
- Die globalen Rohölbestände in OECD-Ländern bleiben aufgrund früherer Produktionskürzungen niedrig und stützen die Preise zusätzlich.
Die unerfüllten Produktionsziele der OPEC+
Die OPEC+ hatte sich theoretisch vorgenommen, bis September im Vergleich zu März eine zusätzliche Menge von 2,5 Millionen Barrel pro Tag (bpd) auf den Markt zu bringen. Daten zeigen jedoch, dass diese Ziele schwierig zu erreichen sind. Dieses Defizit resultiert aus einer doppelten Herausforderung: Einige Mitgliedsnationen haben Mühe, ihre Förderkapazitäten zu erhöhen, während andere ihre Produktion absichtlich zurückhalten. Letzteres ist oft eine Folge von Anweisungen der OPEC+, um frühere Überschreitungen ihrer zugewiesenen Quoten zu kompensieren. Länder wie der Irak und, in geringerem Maße, Russland passen beispielsweise aktiv ihre Förderung an, um vergangene Überproduktion auszugleichen, während Kasachstan bereits im März an seiner maximalen Kapazität operierte. Folglich führt eine höhere nominale Quote nicht direkt zu einer entsprechenden Steigerung des tatsächlichen Rohölangebots.
Marktdynamik und Preisanstieg
Diese anhaltende Angebotsknappheit hat, entgegen den Erwartungen fallender Preise, zu einem Anstieg der Brent-Rohöl-Futures auf etwa 68 Dollar pro Barrel geführt, von einem Tiefststand von 58 Dollar zu Beginn des Jahres. Ein signifikanter Marktindikator, der diese unmittelbare Angebotsknappheit widerspiegelt, ist die Verschiebung in die Backwardation. Diese Dynamik, bei der Promptpreise die Preise für zukünftige Lieferungen übersteigen, wurde offensichtlich, als der Erstmonatskontrakt für Brent-Rohöl-Futures mit einem Aufschlag von 2,74 Dollar gegenüber dem Sechsmonatskontrakt zu handeln begann – ein deutlicher Kontrast zum kleinen Abschlag, der Anfang Mai beobachtet wurde. Dieser Aufschlag signalisiert eine zugrunde liegende Knappheit am kurzfristigen Angebotsmarkt.
Die Rolle der Nachfrage
Mehrere Faktoren auf der Nachfrageseite absorbieren aktiv die geplanten Fördersteigerungen der OPEC+, was die Engpässe auf dem Spotmarkt rechtfertigt. Steigende globale Raffinerie-Verarbeitungsraten verbrauchen mehr Rohöl. Eine robuste Sommernachfrage von Kraftwerken im Nahen Osten, angetrieben durch den erhöhten Einsatz von Klimaanlagen, intensiviert den Verbrauch weiter. Gleichzeitig hat China seine Rohölbestände strategisch aufgestockt und im zweiten Quartal etwa 82 Millionen Barrel oder fast 900.000 bpd hinzugefügt. Diese konsequente chinesische Lagerhaltung hat eine entscheidende Rolle bei der Stützung der Rohölpreise gespielt.
Die angespannten Lagerbestände
Zusätzlich zum Aufwärtsdruck auf die Preise sind die globalen Rohölbestände in den Industrieländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) konstant niedrig geblieben. Dies ist weitgehend ein Erbe früherer Produktionskürzungen der OPEC+, besonders auffällig in den USA. Dieses anhaltend niedrige Bestandsniveau in wichtigen Verbraucherregionen trägt weiter zur angespannten Marktlage bei und verstärkt die Preisstützung trotz der erklärten Bemühungen des Bündnisses, die Produktion zu erhöhen.